Vereinbarkeit und Standort – wie reden und schreiben wir darüber?

Beim Dialogforum im Waldviertel auf Schloss Haindorf bei Langenlois haben sich UnternehmerInnen und RegionsvertreterInnen getroffen, um sich gemeinsam mit dem Begriff Vereinbarkeit zu beschäftigen. „Sprache bildet Wirklichkeit ab und bringt sie hervor“, lautet das zentrale Thema des Tages.

Dialogforum Waldviertel auf Schloss Haindorf

Dialogforum im Waldviertel auf Schloss Haindorf

 

Beatrix Beneder, Beraterin vom V/FAKTOR bei ABZ*AUSTRIA, präsentiert, was Waldviertler Unternehmen unter Vereinbarkeit verstehen –  Erkenntnisse, die direkt aus der praktischen Arbeit mit den Unternehmen kommen. Vereinbarkeit wird häufig als eine Balance zwischen unternehmerischem Interesse und persönlichen Bedürfnissen, zwischen Anforderungen und Entspannung, zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Geld und Zeit sowie zwischen Pflicht und Freiheit verstanden. Für MitarbeiterInnen ist es wichtig, nicht nur als Ressource, sondern als Mensch gesehen zu werden. Unternehmen sollten sich an den Lebensphasen ihrer MitarbeiterInnen orientieren. Nicht jede Person braucht Dasselbe zum gleichen Zeitpunkt, Vereinbarkeit heißt daher Strukturen zu schaffen, die MitarbeiterInnen die Freiheit zur selbstbestimmten Gestaltung ermöglichen.

Warum Vereinbarkeit für Unternehmen wichtig ist, beantwortet Sabine Deimel. In ihrer Masterarbeit „Die Relevanz der Vereinbarkeit für die Zukunft des Waldviertels“ fand sie heraus, dass besonders drei Gründe relevant sind: Eine alternde Bevölkerung, eine negative Geburtenrate und regionale Abwanderung. Vereinbarkeit kann erreicht werden, indem Arbeitsplatzgestaltungen wie Homeoffice oder freie Zeiteinteilung gefördert, Arbeitszeitmodelle wie Jobsharing oder Generationsmanagement angepasst und gehaltliche Differenzen zwischen Männern und Frauen, aber auch zwischen Voll- und Teilzeit reduziert werden. Es gibt so viele Möglichkeiten und Ideen, wie Vereinbarkeit als Chance wahrgenommen werden könnte. „Für die Entwicklung einer Region sind wir alle verantwortlich“, so Deimel.

Welche Faktoren ausschlaggebend sind, um UnternehmerInnen in der Region zu halten, wird anschließend in der Gruppe diskutiert. „Eine Autobahn reicht eben heute nicht mehr. Die sogenannten weichen Faktoren sind heute zu den harten geworden. Dazu zählt Kinderbetreuung, Sozialstruktur, Einkommen und eben auch Vereinbarkeit“, so ein Waldviertler Unternehmensberater. Eine andere Teilnehmerin problematisiert das Fehlen von Diversität in lokalen Entscheidungsgremien. „Kommunale Politik exkludiert viele Personen, indem zum Beispiel Besprechungen um 17 Uhr stattfinden. Hier werden unterschiedliche Bedürfnisse dann nicht wahrgenommen.“

Nach einer kurzen Pause geht Axel Grunt, strategischer Kommunikationsberater und – trainer, der Frage nach, wie ein Re-Framing von Vereinbarkeit im Waldviertel aussehen könnte. „Wenn ich Vereinbarkeit google, schlägt Google mir wenig vielfältige Suchvorschläge vor. Das heißt, es gibt einen Raum für neues Framing“, stellt Grunt fest.

Framing wird definiert als ein kognitiver Prozess, der reguliert, welche Teile einer dargebotenen Realität mit hoher Wahrscheinlichkeit bemerkt werden. Je häufiger ein Frame wiederholt wird, desto realer wird er. Beispiele für bekannte Framings sind der Wettkampf als politischer Frame oder der lebende Organismus als Frame für eine Stadt.

Um über Vereinbarkeit sprechen zu können, müssen wir wissen, was wir unter Vereinbarkeit verstehen. Das Finden von eigenen Metaphern ist daher sehr wichtig, denn das Aufzählen von bloßen Fakten reicht nicht aus, um andere von einer Vision zu überzeugen. Als ein gesellschaftliches Thema benötigt Vereinbarkeit eindeutige und spezifische Bilder, damit die Zukunft der Region gemeinsam von verschiedenen AkteurInnen gestaltet werden kann.

Nach einer austauschreichen Mittagspause startet die Gruppe in den Nachmittag: Schreibwerkstatt mit Maria Nicolini. Stimmige Sprachbilder für Vereinbarkeit in der Region zu finden, ist das Ziel des Nachmittags. Kleine Schreibübungen, die Analyse von Textstellen sowie das Finden von geeigneten und vielfältigen Sprachbildern zu Vereinbarkeit sind Teile dieses Workshops. Nicolini bezeichnet Vereinbarkeit als eine „abstrakte Klammer, die mit Inhalten zu füllen ist, um sie erfassbar zu machen.“ BeraterInnen und UnternehmerInnen tauschen sich über ihre persönlichen Erfahrungen aus, debattieren und notieren fleißig neue Erkenntnisse und Ideen. Eine Freiheit im Kopf zu erlangen, Möglichkeitsräume zu schaffen, gerechtere Verteilung, sowie die Übereinstimmung von beruflichem und privatem Leben stellen sich als die gemeinsamen Bilder von Vereinbarkeit heraus.

Ein spannender Tag gefüllt mit vielen persönlichen wie auch beruflichen Erfahrungen und Diskussionen über Idealvorstellungen von Vereinbarkeit neigt sich am späten Nachmittag dann auch dem Ende.

Vereinbarkeit für Menschen begreiflich zu machen ist wichtig, um Vereinbarkeit realisierbar zu machen. Damit schließen die V/FAKTOR BeraterInnen ein spannendes Dialogforum im Waldviertel.

Diesem Anspruch sind alle TeilnehmerInnen nach dem heutigen Tag sicher ein großes Stück näher.

Kontakt

Dr. in Beatrix Beneder
Regionale Projektmanagerin
beatrix.beneder@vfaktor.at
Tel 0699 1 66 70 368

Mag.a Barbara Pia Hartl
Regionalentwicklerin
barbara.hartl@vfaktor.at
Tel 0664 22 45 383

X