Dialogforum zu Vereinbarkeit und Zeit(kultur)

Fotocredit: Michael Fischer

Wir alle hätten gerne eine gute Balance zwischen (bezahlter) Arbeit, Familie und Privatleben. Manche haben diese individuelle „Optimal-Situation“ vielleicht für sich bereits erreicht, doch rasch kann ein neuer Lebensumstand dazu führen, dass das Gleichgewicht ins Wanken gerät.

Andere wiederum haben das ständige Gefühl, dass sie sich einem Lebensbereich stärker widmen möchten – sei es der Familie, der Arbeit, den Hobbies, der Tätigkeit im Verein oder der Pflege von Freundschaften. Besonders Frauen, die nach wie vor einen Großteil an Versorgungs- und Pflegearbeit leisten, kommen dadurch in Bedrängnis. Um eine nachhaltige Gleichstellung von Frauen und Männern zu erzielen, braucht es eine Umverteilung von unbezahlter Arbeitszeit.

Die LEADER-Region Zeitkultur Oststeirisches Kernland beschäftigt sich bereits einige Jahre intensiv mit dem Thema Zeit und Zeitkultur. Die Schnittmengen zwischen Zeit(Kultur), Vereinbarkeit und Gleichstellung wurden im Rahmen eines Dialogforums am 12. März im oststeirischen Hartl zum Thema gemacht.

Michael Fischer (V/Faktor Berater, Oststeiermark) moderierte die Veranstaltung, die als Teil des Projekts V-Faktor umgesetzt wurde, und präsentierte den TeilnehmerInnen die Erkenntnisse aus Zeitverwendungsanalysen aus Deutschland und Österreich. Anhand dieser Informationen und der anschließend individuell erarbeiteten Tageszeitprofile wurden gemeinsam folgende Fragen erörtert:

  • Für welche Lebensbereiche bleibt mir persönlich regelmäßig zu wenig Zeit?
  • Was hindert mich daran, Zeit anders zu verteilen? 
  • Welche Unterstützung wäre hilfreich, um sich von Tätigkeiten (z.B. Pflege, Kinderbetreuung, Arbeit am Hof, Arbeit in der Firma…) ein stückweit mehr freizuspielen?
  • Wie ist es möglich, sich vom gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungsdruck, die Zeit „angemessen“ zu verbringen, zu lösen?

Die Übung ein persönliches Tageszeit-Profil zu erstellen und die gemeinsame Diskussion darüber zeigte, wie schwer es (mittlerweile) ist, die verwendete Zeit für einzelne Tätigkeiten zu bestimmen. Eine Überlegung dazu war, dass wir viele Tätigkeiten parallel erledigen, wie z.B. Kinderbetreuung und Haushaltsführung, Freizeitgestaltung und Bankgeschäfte am Computer, etc.

Vor allem der Faktor Digitalisierung wurde in dem Sinne thematisiert, als dass sie immer mehr Lebensbereiche durchdringt, was teilweise als Belastung aufgrund stetiger Verfügbarkeit, teilweise aber auch als Entlastung aufgrund von Flexibilisierung der Arbeitszeiten wahrgenommen wird. Dieses sogenannte Work – Life Blending, das Verschmelzen von Lebens- und Arbeitswelt, macht eine Auseinandersetzung mit Strategien für Vereinbarkeit umso wichtiger.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass Vereinbarkeit im Sinne von Zeitkultur nicht nur als eine Ausdehnung gewünschter Zeitphasen (z.B. mehr Zeit für Kinder, mehr Zeit für Erwerbsarbeit, etc.) gesehen werden kann, sondern auch immer mehr im Kontext von Vereinnahmung, Entkoppelung, Selbstbestimmung und Flexibilisierung reflektiert werden sollte. Um nachhaltige umfassende gleichstellungsorientierte Vereinbarkeitsstrukturen zu schaffen, werden Individuen, Familien, Unternehmen, aber auch Regionen in eine Auseinandersetzung mit diesem Thema treten müssen. Regionen könnten zum Beispiel durch eine Optimierung der Mobilität, vor allem im Bereich der Mikro-Mobilität, durch eine Flexibilisierung der Kinderbetreuung und den Ausbau der Tagesbetreuung für ältere Menschen außerhalb von Ballungsräumen zur Entwicklung dieser Vereinbarkeitsstrukturen beitragen.

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